Arbeit in der Krise

Aufruf der AG17 zur Nachttanzdemo am 30.4. in Erfurt

Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, wird sich auch in Erfurt getroffen, um für „Arbeit, Recht und Freiheit“ zu demonstrieren. Stopp! Das ist das Motto der Nazis. Der DGB fordert „Gute Arbeit. Gesicherte Rente. Soziales Europa.“, bestimmt nicht nur für Deutsche, allerdings Arbeit als „zentrales Element der Teilhabe und somit persönliche[r] Verwirklichung“ (Aufruf). Was nichts anderes heißt, als dass der DGB fordert, gesellschaftliche Teilhabe setze Arbeit voraus, sonst… Ja was?
Die derzeitige Krise ist kein Aufflackern von Symptomen, die sich durch Regulierungen und Sparmaßnahmen in den Griff kriegen lässt. Die aktuelle Krisensituation ist eine strukturelle Krise des Kapitalismus. Jener macht durch Rationalisierungen bei nahezu gleich bleibenden Profiten lebendige, abstrakte Arbeit überflüssig; und damit auch Menschen und deren Teilhabe. Da Arbeit im Kapitalismus das einzige Mittel zu Existenzsicherung darstellt, müssen viele ohne oder mit sehr eingeschränkten Reproduktionsmöglichkeiten zurecht kommen.

Wie? Was? Arbeit?

Arbeit wird oft als transhistorischer Begriff genutzt, der Tätigkeiten beschreiben soll, die zwischen Mensch und Natur vermitteln und Dinge zur Bedürfnisbefriedigung herstellen. Arbeit im Kapitalismus beschreibt jedoch spezifisch historisch die Herstellung von Mehrwert. Durch Arbeit werden Dinge hergestellt, die als Waren getauscht werden. Man tauscht sie gegen Geld, das letztlich nur ihr Wertverhältnis ausdrückt (1 Brot à 2 € = 4 Brötchen à 50 Cent). Woher kommt die Gewissheit über den Wert?
In den getauschten Waren manifestiert sich ein Doppelcharakter, der sich aus dem Gebrauchswert (z.B. Essen) und dem Wert (durch Geld ausgedrückt) zusammensetzt. Während der Gebrauchswert zwar nötig ist, um Waren abzusetzen, ist der Mehrwert der eigentliche Grund der Produktion, denn der wird durch menschlich verausgabte Arbeitszeit erzielt; durch die gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeitszeit – abstrakte Arbeit.
Bedürfnisbefriedigung ist nicht der Motor des Kapitalismus, sondern die Mehrwertgenerierung, eine abstrakte und sinnentleerte Maschinerie, die den Mehrwert um seiner selbst willen immer fort steigert. Wie sonst ist es zu erklären, dass Lebensmittel vernichtet werden, statt sie zu verteilen, dass Ressourcen verballert werden für nichts als die Verwertung (z.B. Biodiesel, Maissirup…), dass Lager voll sind und in der Produktion trotzdem rationalisiert wird.

Konkurrenz, Produktion, Überproduktion

Auf dem Markt stehen alle zueinander in Konkurrenz, Arbeiter*innen, Unternehmen und Staaten (Standorte). Rationalisierung scheint eine Zauberformel zu sein, die aus Unternehmersicht die eigene Produktion retten soll, indem sich dadurch Vorteile gegenüber der Konurrenz ergeben.
Die Produktion ist durch Rationalisierungen längst im gesellschaftlichen Durchschnitt überproduktiv. Der Rationalisierungszwang und die resultierende Beschleunigung der kapitalistischen Produktion ist gleichzeitig ihr Ruin. Eine Verringerung der in der produzierten Ware vergegenständlichten Arbeitszeit hat für die einzelne Ware eine Wertminderung zur Folge. Die früher oder später einsetzende Unrentabilität der Produktion bedeutet ihren Stillstand. Trotzdem ist Kostensenkung für das einzelne Unternehmen sinnvoll. Das eigene Stück Kuchen wird vergrößert, in dem man den gesamten Kuchen verkleinert. Super Lösung.
Die Rechnung geht gesamtgesellschaftlich natürlich nicht auf, denn durch den Wegfall von Arbeit und/oder Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse wird die Wertvermittlung über die abstrakte Arbeit immer wackeliger, da in den Produktionsprozessen immer mehr Menschen überflüssig werden, die dem System dann sozusagen auf der Tasche liegen und der Verelendung ausgesetzt sind. Dies hat fatale Folgen für die Binnenmärkte.
Für Deutschland war das bis vor Kurzem kein Problem. Hier wurden dank Hartz4 und Agenda 2010 Billiglöhne und schlechte Arbeitsbedingungen staatlich, aber auch gewerkschaftlich forciert, um den Standort zu sichern. So konnte sich auf Nicht-Deutsche Absatzmärkte verlassen werden, die mit den deutschen Lohnstückkosten nicht konkurrieren konnten.

Miese Krise

Die allgemeine Unrentabilität dieses Produktionswettlaufs ist seit Jahrzehnten erreicht und wird nur noch durch ausufernde Staatsverschuldungen und Kapitalflucht in die Finanzmärkte übertüncht. Dort ist jedoch spätestens der Lack ab, seitdem flächendeckend Finanzblasen platzen und dadurch das kapitalistische Weltgetriebe von innen gefährden. Die Staatsverschuldungen sind am Rande ihrer eigenen Glaubwürdigkeit angekommen. Hektische Rettungsmaßnahmen zielen auf die monströsen Symptome, sind jedoch nichts anderes als Aufschiebungen der Probleme und letztendlich die Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Was gibt es denn für Möglichkeiten? Für weitere Binnennachfragen die Gelddruckpressen anschmeißen und weiter Staatsschulden machen, was jedoch zur Währungsentwertungen in Form von Inflation führen würde und große Teile der Menschheit in noch mehr Armut stürzen würde. Oder die Staatsverschuldungen eindämmen und die Finanzmärkte regulieren, wobei die Nachfrage nach Waren weltweit einbrechen würde mit einer Kettenreaktion, die dann ebenfalls weite Teile er Menschheit in noch mehr Armut stürzte, weil bei beiden Optionen die letzten Bemühungen um Eingrenzung sozialen Elends oder ökologischen Kollabierungen der Umwelt dem Rotstift zum Opfer fallen würden.

Gewerkschaften und so

Über die Geschichte der Arbeiter*innenbewegung, ihrer Höhen und Tiefen und theoretischen Grundlagen, wollen wir uns jetzt nicht auslassen. Nur so viel sei gesagt: Arbeiter*innenbewegungen, die die abstrakte Arbeit vom Kapital befreien wollen, haben nicht verstanden, dass die mehrwertbildende Arbeit Grundlage des Kapitalismus ist, aber auch ohne ihn nicht existieren würde. Das eine bedingt das andere, die Durchsetzungsgeschichte der Arbeit geht mit der des Kapitalismus einher. Der Mehrwert, wird auch nicht von Kapitalist*innen gerafft, sondern reinvestiert. Forderungen nach einer Veränderung der Distributionsweise sind überflüssig. Eine Umverteilung der Reichtümer von oben nach unten ist schlicht nicht möglich, da der Reichtum der Reichen im geringsten Maße aus ihrem persönlichen Luxus besteht, sondern aus Wertpapieren und Kapitalanlagen, die fest im kapitalistischen Akkumulationsgetriebe verankert sind.
Deutschland hat die Eurozone kaputt konkurriert und den eigenen Binnenmarkt zusammenbrechen lassen. Bekanntermaßen haben die Hartz Gesetze einen stattlichen Beitrag geleistet, aber auch Arbeitskampfinstitutionen wie der DGB lassen nichts über den Standort kommen.
„Wenn sie sich ansehen, was in den letzten 20 Jahren in diesem Land geschehen ist; Personalabbau, Anpassung, Veränderungen ohne Revolten oder große soziale Unruhen – das alles wäre ohne die Bindekraft der Gewerkschaften nicht möglich gewesen“ Michael Vassiliadis (IG Bergbau, Chemie, Energie) …soviel Eigenlob zur Selbstaufgabe…
Schon viel zu oft griffen Teile der Gewerkschaften in die antisemitische Trickkiste und machten blutsaugende zylindertragende internationale Hedgefonds für die Miseren verantwortlich. Irgendwo muss ja das Böse herkommen, wenn nicht vom eigenen gehüteten Standort der “Sozialpartnerschaft”.
Heute wirft IGM Chef Berthold Huber den spanischen Genoss*innen vor, zu sehr auf den Erhalt des Kündigungsschutzes und der Reallöhne zu drängen. Was man in Deutschland schon gut kann, nämlich Arbeitsbedingungen aufgeben um den Standort zu erhalten haben die Gewerkschafter*innen in Südeuropa noch zu lernen. Wäre ja auch blöd wenn die Produktion letzten Endes nach Asien abwandern würde. Es scheint, als verstünden sich die Großen in den Gewerkschaften als assimilierte Borg, die nötige Rationalisierungen automatisch ausführen, nichts weiter als eine logische Einheit, um wenigstens ein bisschen Kapital im Lande zu halten, statt wenn auch reformistisch wie einst, den Arbeitsalltag erträglicher zu machen. Der Groschen ist gefallen: der Kapitalismus hat gesiegt – sie werden assimiliert werden.

Schaffe, Schaffe, Häusle bauen

Gerade wegen der Widersprüche der abstrakten Arbeit und der Wertvermittlung gibt es einen Arbeitsethos, der seines gleichen sucht. Man kann nicht die einen bis zur Erschöpfung in die Produktion treiben und die anderen links liegen lassen, steckte nicht auch Ideologie dahinter. Wer fleißig und flexibel ist, darf arbeiten und gut leben – die anderen nicht. Mit der Deregulierung und Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse stimmt selbst diese Faustregel nicht mehr.
Die Jobcenter haben sich zur Hauptaufgabe gemacht, aus der Verwertung Herausgefallene ständig der Form nach zur Arbeit zu konditionieren, die es für jene längst nicht mehr gibt. Seien simulierte Beschäftigungsverhältnisse auf dem sogenannten 2.Arbeitsmarkt, Anwesenheitspflicht, Formulare, oder sonstiger zur Perfektion getriebener Diebstahl der Lebenszeit, die man besser oder nach antikem griechischen Vorbild zum Müßiggang hätte nutzen können. Der Zwang ist jedoch nicht nur institutionalisiert sondern von den meisten Menschen verinnerlicht. Volksweisheiten wie “wer nicht arbeitet soll auch nicht essen” oder “Hauptsache Arbeit” verdeutlichen das.
Die Identifikation mit dem Beruf und die Loyalität zum Arbeitgeber sind Teil unserer Gesellschaft. Als minderwertiges Menschenmaterial müssen diejenigen als Ursache für soziale Fehlstände herhalten, die sich nicht wehren können, diejenigen, die am Arbeitsmarkt nicht Teil haben können. Je weniger abstrakte (Lohn-)Arbeit vorhanden ist, desto mehr droht die Allgemeinheit zur Hatz auf “die Faulen” zu blasen und von ihnen Demut zu verlangen. Sie unterliegen trotz ihrer augenscheinlichen Überflüssigkeit auf dem Arbeitsmarkt dem Rechtfertigungszwang, der sie entgegen ihrer eigenen Erfolglosigkeit auf Trab hält. Der verinnerlichte Arbeitsethos als Teil der Konstitution des bürgerlichen Subjekts entpuppt sich immer mehr als gewalttätig – vor allem auch gegenüber sich selbst!
Eine selbstbewusste Arbeiterklasse hingegen, die stolz darauf ist ein wichtiger Teil der kapitalistischen Produktion zu sein und ihren Selbstwert in der Ausführung der abstrakten Arbeit sieht, kann auch nie ernsthaft als revolutionäres Subjekt gedeutet werden, da ihre objektive Bestimmung und ihre Verfasstheit durch den Arbeitsethos an dem Erhalt der kapitalistischen Verhältnisse ausgerichtet ist.

Es kann nicht unsere Intention sein, den 1.Mai als “traditionsreichen Tag der Arbeiterbewegung” oder noch schlimmer “Tag der Arbeit” vor den Nazis zu retten. Es ergibt wenig Sinn sich als kleinsten gemeinsamen Nenner mit diffusen Argumenten auf einen Haufen marginalisierter Nazis und deren platten Parolen zu stürzen, auch wenn wir die Gefahr, die von ihnen ausgeht nicht klein reden wollen.
Vielmehr geht es darum nach sozialen Kämpfen Ausschau zu halten, die nicht wieder trotz aller Beteuerungen in einer Positionierung und Etablierung innerhalb des kapitalistischen Systems münden, sondern dessen Überwindung herbeiführen. Nach einfachen und schnellen Antworten sieht dieses Vorhaben nicht aus. Vielmehr sollte eine negatorische Kritik, die mit alten Gewissheiten aneckt, den Weg für neue Perspektiven frei räumen, die eine revolutionäre Linke dringend benötigt, um nicht in den Beschwörungen der alten meist traditionsmarxistischen “Größe” zu erstarren.

Sagt nein zur Arbeit, nein zur Reform und tanzt mit uns und für die Revolution. Träumt mit uns von einem ganz anderen Ganzen.

LASST´S KRACHEN