Kapitalismus tötet – Kampf dem Kapitalismus!

Ein Auf­ruf zur De­mons­tra­ti­on „Lasst‘t kra­chen! So­zia­le Re­vo­lu­ti­on statt au­to­ri­tä­rer Kri­sen­be­wäl­ti­gung!“ am 30.​4.​2013 in Er­furt von Ein­zel­per­so­nen aus dem In­fo­la­den Sabotnik.

Ro­se­ma­rie Fliess ist tot. Sie starb am 11. April 2013 in Ber­lin, zwei Tage nach­dem sie wegen Miet­schul­den aus ihrer Woh­nung ge­wor­fen wurde. Dass der Ka­pi­ta­lis­mus Opfer for­dert, ist nichts neues. In Spa­ni­en und Grie­chen­land sind Selbst­mor­de von Kri­sen­op­fern fast schon All­tag, welt­weit ver­hun­gert alle drei Se­kun­den ein Mensch. Dass Ka­pi­ta­lis­mus arm und krank macht, ist im Sys­tem an­ge­legt – schließ­lich geht es im Kern nicht darum, Be­dürf­nis­se zu be­frie­di­gen, son­dern das Pro­fit­ka­rus­sell am Lau­fen zu hal­ten. Wie die Kri­sen­dy­na­mik im Ein­zel­nen aus­sieht, ist al­ler­dings eine Frage von Kämp­fen.

Die Frage lau­tet: Wer zahlt am Ende für die Krise?
Ei­gent­lich war die Zeit schon Ende der 1980er-​Jah­re reif für den Crash. An­ge­feu­ert durch die hohe Pro­duk­ti­vi­tät war ma­te­ri­el­le Pro­duk­ti­on schon da­mals nicht mehr son­der­lich pro­fi­ta­bel. Hun­dert­tau­sen­de fer­tig pro­du­zier­te Autos stan­den auf Halde und fan­den keine zah­lungs­fä­hi­gen Ab­neh­mer_in­nen. Au­ßer­dem gab es Ar­beits­kämp­fe im gro­ßen Stil z.B. bei VW und in Pfle­ge­be­ru­fen. Ein Glücks­fall für den Stand­ort war in die­ser Si­tua­ti­on der Zu­sam­men­bruch des Ost­blocks. Der Ge­winn von 17 Mil­lio­nen neuen Kun­d_in­nen in der ehe­ma­li­gen DDR, neue Ab­satz­märk­te und bil­li­ge Ar­beits­kräf­te waren die zeit­wei­li­ge Lö­sung für die da­ma­li­ge Über­pro­duk­ti­ons­kri­se. Au­ßer­dem hat der na­tio­na­le Tau­mel und der Ruf nach Ein­heit so­zia­le Kämp­fe in den Hin­ter­grund ge­drängt. Die Frage, wer die Kos­ten der Krise tra­gen muss, war damit erst mal ver­scho­ben – durch die neuen Märk­te im Osten und durch die Zer­fall­skrie­ge in Süd­ost­eu­ro­pa. Sie boten im­men­se Mög­lich­kei­ten der Ka­pi­tal­ver­wer­tung – nach­hal­tig, in dem Sinne, dass deut­sches Ka­pi­tal so­wohl an der Zer­stö­rung als auch am Wie­der­auf­bau ver­die­nen konn­te.

In den 2000er-​Jah­ren kam die Frage nach der Ver­tei­lung der Kri­sen­kos­ten zu­rück auf die bun­des­deut­sche Ta­ges­ord­nung. Lei­der war zu die­ser Zeit die Seite der Ar­bei­ter_in­nen denk­bar schlecht auf­ge­stellt und so ließ sich 2005 von einer SPD/GRÜ­NE-​Re­gie­rung die Agen­da 2010 durch­set­zen. Wir er­in­nern uns: Hartz IV war der Bruch des an In­te­gra­ti­on und be­grenz­ter Um­ver­tei­lung ori­en­tier­tem Klas­sen­kom­pro­miss der 1970er-​Jah­re. Ar­beits­lo­sen­hil­fe und So­zi­al­hil­fe wur­den auf einem Ni­veau un­ter­halb der alten So­zi­al­hil­fe zu­sam­men­ge­fasst und durch mas­si­ve Re­pres­sio­nen er­gänzt. Die Ver­sor­gung von Er­werbs­lo­sen ent­wi­ckel­te sich vom Rechts­an­spruch zum Al­mo­sen, auf das man erst An­spruch hat, wenn jeg­li­ches Ver­mö­gen auf­ge­zehrt ist. Das neue Motto war „For­dern und För­dern“ im Sinne von „Wer nicht ar­bei­tet soll auch nicht essen“. Das wird seit­dem durch­ge­setzt mit Schi­ka­nen, Maß­nah­men, Kür­zun­gen und dem Auf­bau von dau­er­haf­tem psy­chi­schen Stress gegen die Leis­tungs­emp­fän­ger_in­nen. Die Zu­nah­me pre­kä­rer Be­schäf­ti­gung war di­rek­te Folge der Re­for­men, be­son­ders be­trof­fen davon sind Frau­en, Mi­gran­t_in­nen und der Re­pro­duk­ti­ons­sek­tor.

Ziel der Re­for­men war, Deutsch­land im glo­ba­len Wett­be­werb nach Vorne zu brin­gen – und das ist ge­lun­gen. Die Fle­xi­bi­li­sie­rung und Li­be­ra­li­sie­rung des Ar­beits­mark­tes hat die in­dus­tri­el­le Re­ser­ve­ar­mee in die De­fen­si­ve ge­drängt und da­durch nied­ri­ge Ta­rif­run­den mög­lich ge­macht. So wur­den die Lohn­stück­kos­ten ge­drückt: beste Be­din­gun­gen für den Kon­kur­renz­kampf der Stand­or­te. Ent­spre­chend brummt die ex­port­ori­en­tier­te Au­ßen­han­dels­wirt­schaft, wo­durch die Kon­kur­ren­ten in der Eu­ro­zo­ne re­gel­recht zu Tode ge­wirt­schaf­tet wer­den konn­ten. Pro­duk­ti­ve Sek­to­ren wur­den vom nörd­li­chen Ost­eu­ro­pa bis nach Süd­eu­ro­pa zer­schla­gen. Wer wie­der ge­winnt – dies­mal ohne Krieg – ist das deut­sche Ka­pi­tal, dass auch heute noch Waf­fen nach Grie­chen­land lie­fert.

Wer hat also für die Krise ge­zahlt?
„Wir zah­len nicht für eure Krise“, das Motto der Kri­sen­pro­tes­te 2009, war daher eher ver­spä­te­ter Wunsch als Rea­li­tät. Die Hartz IV-​Emp­fän­ger_in­nen und Pre­ka­ri­sier­ten haben schon für die Krise be­zahlt und zah­len wei­ter: Die Re­al­löh­ne in der BRD sind zwi­schen 2000 und 2012 um 1,8% ge­sun­ken, die Un­ter­neh­mens­ge­win­ne um 50% ge­stie­gen (so das WSI-​Ta­rifar­chiv der Hans-​Böck­ler-​Stif­tung im Fe­bru­ar 2013). Ar­beits­lo­se er­hal­ten heute im Schnitt 10% we­ni­ger als vor den Re­for­men (Durch­schnitt aus Bei­spie­len der ARGE Mün­chen (2004), nicht in­fla­ti­ons­be­rei­nigt, die rea­len Kür­zun­gen sind also noch grö­ßer). Wer in Zu­kunft zahlt, wird in den nächs­ten Mo­na­ten neu ent­schie­den.

Wenn wir uns nicht weh­ren, wird uns der Ka­pi­ta­lis­mus noch mehr an den Kra­gen gehen. Die Kämp­fe müs­sen wie­der an­fan­gen, auf eu­ro­päi­scher Ebene, bes­ser noch welt­weit. Einer der ers­ten Ver­su­che war der eu­ro­päi­sche Streik-​ und Ak­ti­ons­tag am 14.​11.​2012. Wei­te­res muss fol­gen. Es geht darum, kon­kret bes­se­re Le­bens­be­din­gun­gen von Men­schen zu er­kämp­fen. So lange der Ka­pi­ta­lis­mus real exis­tiert be­deu­tet das auf ma­te­ri­el­le Ebene, mehr Geld nach unten zu ver­tei­len. Es reicht nicht aus, dass die Men­schen in Spa­ni­en, Por­tu­gal und Grie­chen­land den Klas­sen­kampf von Oben zu­rück­wei­sen, es ist höchs­te Zeit, dass Ar­bei­ter_in­nen, Pre­kä­re und Er­werbs­lo­se es auch in der BRD kra­chen las­sen.

Die Kämp­fe dür­fen na­tür­lich nicht bei der Frage ste­hen blei­ben, wer für die Krise zahlt, wer sich daran ge­sund stößt und wer ver­hun­gert. Im Ka­pi­ta­lis­mus kom­men Kri­sen immer wie­der, sie er­ge­ben sich aus sei­ner in­ne­ren Dy­na­mik. Per­spek­ti­visch muss es darum gehen, die­sen Kreis­lauf zu be­en­den – damit nie­mand mehr ver­hun­gern muss. Das wird sich nur aus kon­kre­ten Kämp­fen her­aus ma­chen las­sen. Ziel dabei muss sein, sich Pro­duk­ti­ons-​ und Re­pro­duk­ti­ons­mit­tel selbst­ver­wal­tet und kol­lek­tiv an­zu­eig­nen, um im rich­ti­gen Mo­ment das Ruder der Ge­schich­te her­um­zu­rei­ßen und end­lich das Hauen und Ste­chen des real exis­tie­ren­den Ka­pi­ta­lis­mus zu be­en­den.

Dass das in ak­tu­el­len so­zia­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen nicht auf der Ta­ges­ord­nung steht, darf nicht hei­ßen, die kämp­fe­ri­sche Per­spek­ti­ve zu­guns­ten einer zy­ni­schen auf­zu­ge­ben. Es ist Zeit, die K-​Fra­ge auf die Ta­ges­ord­nung zu set­zen.

Eine Idee dazu ist ge­mein­sam mit an­de­ren im Herbst 2013 die Kri­sen­er­fah­run­gen in einen kol­lek­ti­ven Wi­der­stands­pro­zess von unten zu trans­for­mie­ren – indem wir gleich­zei­tig mit einem eu­ro­päi­schen Ge­ne­ral­streik oder einem Ge­ne­ral­streik in Spa­ni­en den ka­pi­ta­lis­ti­schen All­tags­be­trieb für einen Tag (oder auch län­ger) mit den un­ter­schied­lichs­ten Mit­teln stö­ren und uns so­li­da­risch auf­ein­an­der be­zie­hen – im Be­trieb, in der Uni, in der Schu­le oder auf der Stra­ße. Am 30.4. las­sen wir’s kra­chen – da­nach geht die Ver­net­zungs-​ und Or­ga­ni­sie­rungs­ar­beit wei­ter. Wer ist dabei?